Sonntag, 1. Januar 2017

Die Johanniter und ihre Kirche in Nieder-Weisel (aktualisiert)

Komturei-Kirche
(ehem.) Krankensaal im Obergeschoss

In dem kleinen Ort Nieder-Weisel (Butzbach, Hessen) steht nicht nur die Zentrale des Johanniter-Ordens, sondern auch die Komturei-Kirche. Sie lässt die mittelalterliche Geschichte bis in die Gegenwart nacherleben. Errichtet kurz vor 1200, entdeckt man bei genauerem Hinsehen viele architektonische Einflüsse aus dem islamisch geprägten östlichen Mittelmeerraum. Hinzu kommen noch aus späterer Zeit einige Komtureigebäude.
Orientalisierendes Pfeiler-Dekor


Der Orden war und ist im Grunde nur dem Dienst der Nächstenliebe verpflichtet. So erzählt die Johannes dem Täufer gewidmete Kirche das Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe: Der Gottesdienstraum mit beeindruckenden noch romanischen Strukturen; darüber der original erhaltene (frühere) Krankensaal, dessen Fußbodenöffnung den Kranken das Mithören der Messe ermöglichte.                                     

Öffnung im Gewölbe zum
Hören der Messe für die
darüber liegenden Kranken

Beim Blick in die Geschichte eröffnet sich der ambivalente Zusammenhang der Johanniter als Hospital-Orden während der Kreuzzugszeit. Nach der Niederlage der Kreuzfahrerstaaten durch muslimische Herrscher hatte der Orden seinen Sitz zuerst auf Zypern, dann auf Rhodos und schließlich auf Malta. Als der geheimnisvolle und mächtige Templer-Orden im 14. Jahrhundert ausgelöscht wurde, übernahmen die Johanniter viele ihrer Besitztümer ...

Bei aller belastenden Geschichte zwischen Christen und Muslimen, die durch die Kreuzzüge ausgelöst wurden, ist aber die kulturelle Verbindung zwischen Orient und Okzident durch sie zugleich ungewöhnlich intensiv geworden.

Durch den starken Einfluss der Johanniter-Ordensprovinz (= Balley) im Kurfürstentum Brandenburg blieb nach der Reformation auch ein evangelischer Zweig des Johanniter-Ordens erhalten. Die katholische Parallelorganisation nennt sich nach der letzten Johanniter-Zentrale in Malta Malteser-Orden.
 
Bei den Johannitern denkt man normalerweise an die Johanniter-Unfallhilfe (JUH), die den Gedanken der Hilfe für Kranke und Gefährdete weiterführt. Aber es gibt ihn noch - den gesamten Johanniter-Orden mit dem offiziellen Namen Balley Brandenburg des Ritterlichen Ordens St. Johannis vom Spital zu Jerusalem. Er wird von einem Herrenmeister geführt und ist mit ca. 4000 Ehrenrittern weltweit irgendwie dieser Geschichte verhaftet. 
Der christliche Glaube steht weiterhin im Mittelpunkt, aber was mit der Kreuzzugsmentalität begann, kann sich heute als Dienst der Nächstenliebe über alle Religionsgrenzen hinweg verwirklichen. 

Der Kirchraum mit Johanniter-Kreuz-Antependien


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