Freitag, 4. November 2016

Jüdisch-Christliches Lehrhaus an der Akademie Villigst. Dialog-Tagung am 31.10./01.11.2016

Um Orientierung in gesellschaftlichen Fragen aus dem „Herzen des Judentums“ bzw. „aus dem Herzen des Christentums“ – darum ging es bei der Neuauflage des jüdisch-christlichen Lehrhauses, das am Reformationstag dieses Jahres und am 1. November in der Evangelischen Akademie Villigst stattfand. Statt sich auf die klassische Arbeitsform des Lehrhauses zu konzentrieren, nämlich gemeinsam – Juden und Christen – an Texten der Thora, des Talmuds oder der griechischen Bibel zu arbeiten, war der Ausgangspunkt bei dieser Tagung die Suche nach Antworten auf die anstehenden Fragen in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Debatte. 
Ausgangspunkt war dabei das vom Zentralrat der Juden in Deutschland und dem Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund herausgegebene erste deutschsprachige Standardwerk zu Fragen jüdischer Ethik unter dem Titel „’Lehre mich, Ewiger, Deinen Weg’ – Ethik im Judentum“, das sich u.a. dadurch auszeichnet, dass es die vorherrschenden Meinungen des orthodoxen, konservativen und progressiven Judentums widerspiegelt und somit ein sehr differenziertes Bild der jüdischen Ethik zeigt.
„Welche Rolle spielt eine jüdische Ethik in den gesellschaftlichen Debatten der Gegenwart?“, wenn die Religionen insgesamt - wie doch ersichtlich - immer mehr an Einfluss verlieren, wurde in der Diskussion als Fragehorizont immer wieder thematisiert. Shila Erlbaum, Kultus- und Bildungsreferentin beim Zentralrat der Juden in Berlin, lud in ihrer Einführung dazu ein, das Lehrbuch als eine Hilfestellung zur moralischen Urteilsbildung aus unterschiedlichen jüdischen Quellen zu verstehen und dadurch auch für einen Dialog der Religionen über gesellschaftliche Fragen in der Gegenwart einzutreten. In der Diskussion zeigte sich als Subtext immer wieder die Anfrage, wie es gläubigen Menschen – Juden und Christen gemeinsam – gelingen kann, durch ihr Handeln das, was in der Welt aus dem Schöpfungsgleichgewicht gekommen ist, wieder neu zu justieren. Zugleich kam immer wieder zum Ausdruck, dass die Teilnehmenden an einem intensiveren und umfangreicheren Dialog mit jüdischen Gemeinden interessiert sind.
Die „unbekannte Freundschaft zwischen Abraham Jehoshua Heschel und Martin Luther King“, in die Landeskirchenrat Dr. Volker Haarmann aus Düsseldorf einführte, zeigt beispielhaft, wie stark durch einen intensiven Dialog zwischen Judentum und Christentum die Welt verändert werden kann. „Praying with my feet“ ist dann eine klare Aufforderung an die Religionen, den „Sprung zur Tat“ zu wagen.
Prof. Dr. Klaus Müller aus Heidelberg bzw. Karlsruhe und  Rabbi Jehoshua Ahrens gestalteten durch ihre Beiträge den 2. Tag des Lehrhauses. Mit Entschiedenheit verwies Prof. Klaus Müller darauf, dass für den jüdisch-christlichen Dialog eine neue Weise des Habitus auf christlicher Seite gefordert ist, der als Voraussetzung für ein emanzipatorisches Zugehen aufeinander geprägt sein sollte von dem Selbstverständnis, die andere Tradition zu Ende reden zu lassen
Mit dem Hinweis auf das Papier der orthodoxen Rabbiner „Den Willen unseres Vaters im Himmel tun: Hin zu einer Partnerschaft zwischen Juden und Christen“ scheint nach Auffassung von Rabbi Ahrens auch auf jüdischer Seite eine neue Dialogphase zu beginnen. Da wir in beiden Religionen vor der Frage stehen: „Was können wir gemeinsam tun?“, um deutlich zu machen, dass die Religion eine Quelle des Friedens und nicht des Krieges ist, wir können die Begegnungen im Rahmen dieses Lehrhauses nicht hoch genug wertgeschätzt werden – als ein Gang zu den gemeinsamen Quellen des Glaubens, der im nächsten Jahr zum selben Zeitpunkt fortgesetzt werden soll.
Pfarrerin Sigrid Reihs, Schwerte

Bericht in der Jüdischen Allgemeinen vom 03.11.2016: So fremd und doch so nah




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