Freitag, 5. Mai 2017

Die Siebenschläfer von Ruhstorf: Christlich-islamische Begegnungen

Siebenschläferkirche
Wer die Siebenschläfer-Kirche im niederbayerischen Rotthof (Ortsteil von Ruhstorf, südlich von Passau) besucht, dem eröffnet sich im Grunde ein umfassendes religiöses Geschichtspanorama.
Das römische Relief an der südlichen Außenmauer der Kirche hielt man zuerst für eine Darstellung der berühmten Sieben Schläfer aus Ephesus, die der Kaiser Decius im Jahre 251 als Märtyrer bei lebendigem Leibe hatte einmauern lassen. Nach 200 Jahren wachten sie wieder auf (die Jahresangaben schwanken in den Varianten der Legenden). Als einer der jungen Männer in die Stadt kam und Nahrung mit dem Geld der vergangenen Zeit bezahlen wollte, war das Erstaunen groß. Erst langsam bemerkten die Einwohner, dass die damals 7 getöteten Männer wieder zum Leben erweckt worden waren!


Das ursprünglich für eine Darstellung
der heiligen sieben Schläfer
gehaltene römische Relief an der Kirche in Rotthof

So nahm die Heiligenlegende über die Macht des christlichen Glaubens ihren Lauf: Die damals der Vernichtung Preisgegebenen hatten "nur geschlafen" und bezeugten nun, dass der Glaube an Jesus Christus stärker ist als der Tod.

Weitere Informationen (mit dem Altarbild in der Kirche) hier:
Die Siebenschläfer von Rotthof



Siebenschläferhöhle bei Ephesus, 1926 entdeckt (Wikipedia)
Es gibt auch die Tradition einer solchen Höhle in Tarsus

Im Koran wird diese Geschichte unter islamischen Gesichtspunkten ähnlich erzählt. Sie bezeugt, dass der Tod vor dem Gott des Lebens keine Chance hat (Sure 18).
Mehr zur Sure 18: Die Höhle

Vers 18: 
„Du hättest gemeint, sie seien wach, während sie (in Wirklichkeit) schliefen, wobei wir sie auf die rechte Seite und die linke sich umdrehen ließen, und ihr Hund mit ausgestreckten Beinen am Eingang lag. Hättest du sie so erblickt, hättest du dich vor ihnen zur Flucht gewendet und vor ihnen nichts als Schrecken empfunden.“

Goethe nimmt übrigens im  West-östlichen Divan die Siebenschläfer-Legende auf. Und auch der im Koran erwähnte Hund findet seinen Platz bei den Schläfern. Goethes Gedicht: hier

In der Koransure 18, Vers 19 heißt es dann weiter:
„(Während sie nun) auf diese Weise (schliefen), weckten wir sie auf, damit sie sich untereinander befragen würden. Einer von ihnen sagte:>Wie lang habt ihr verweilt?< Sie antworteten:>Einen Tag, oder den Teil eines Tages.< Sie sagten (schließlich):>Euer Herr weiß am besten darüber Bescheid, wie lang ihr verweilt habt. Schickt nun einen von euch mit diesem eurem Geld in die Stadt! Und er soll schauen, wer in ihr die reinste Speise (anzubieten) hat. Und er soll euch davon Vorrat bringen. Er soll es geschickt anstellen und niemandem etwas von euch merken lassen<.“ 

Mit dieser Geschichte ist fast unerwartet ein Stück gemeinsamer Tradition von Christen und Muslimen entstanden. Und d
ie Orte und Kirchen mit dem Namen dieser sieben Heiligen sind im Grunde eine Einladung zum Dialog.

Der berühmte Orientforscher Louis Massignon (1883-1962) hat für den kleinen bretonischen Ort "Sept Saints" (= Sieben Heilige") diesen Impuls aufgenommen, und seit 1954 wird die jährliche Wallfahrt in der Bretagne zu einem Zeichen des christlich-islamischen Miteinanders.
Bericht in "La Croix" vom 25.07.2016:
"Affluence record islamo-chrétiens des Sept-Saints"



Die 7 Heiligen mit Maria im Chor der Kirche von Sept Saints (Wikipédia.fr)

Islamische Darstellungen der Siebenschläfer-Legende auf Büchern zu diesem Thema:
F. Jourdan im Verlag Maisonneuve & Larose 1983 und 2001
Eine Variante der Tradition des langen Schlafes
im Judentum in den "Nachträgen zu Jeremia"
 
--- in: Jens Herzer, Die Paralipomena Jeremiae. Studien zu Tradition und Redaktion einer Haggada des frühen Judentums. Reihe: Texte und Studien zum Antiken Judentum, Bd. 43. Tübingen: Mohr-Siebeck 1994

Hermann Kandler: "Die Bedeutung der Siebenschläfer (Ashab al-kahf) im Islam. Untersuchungen zu Legende und Kult in Schrifttum, Religion und Volksglaube unter besonderer Berücksichtigung der Siebenschläfer-Wallfahrt. - Abhandlungen zur Geschichte der Geowissenschaften und Religion/Umweltforschung Bd. 7.
Bochum: Universitätsverlag Brockmeyer 1994


Der Gedenktag für die Sieben Schläfer 
(nicht mit dem gleichnamigen Tier zu verwechseln) ist der 27. Juni. 
Er ist heute nur noch durch die Wetterregeln bekannt: 
  • Ist der Siebenschläfer nass, regnet’s ohne Unterlass.

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