Samstag, 28. Mai 2016

Denis Diderot und die Aufklärung in Langres (aktualisiert)

Geburtshaus von Denis Diderot,
Musée des Lumières
Die nordfranzösische Stadt Langres ist durch einen Mann von globaler Bedeutung bekannt geworden:
Denis Diderot wurde dort am 5. Oktober 1713 geboren (gest. 31. Juli 1784 in Paris). Seine Schriften zeichnen ihn als einen der Protagonisten der Aufklärung aus sowohl in philosophischer wie in dichterischer Hinsicht und im Blick auf eine "erleuchtete" vorurteilsfreie Menschlichkeit.
Die herausragendste Leistung jedoch besteht darin, dass er zusammen mit dem Mathematiker, Physiker und Philosophen Jean-Baptiste le Rond d’Alembert (1717-1783) die große französische Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers herausgab (= Enzyklopädie oder ein durchdachtes Wörterbuch der Wissenschaften, Künste und der Handwerke)Sie enthält über 72.000  Artikel.
In dieser Zusammenstellung des gesamten bekannten weltweiten Wissens der damaligen Menschheit schrieb Diderot selbst immerhin 6.000 Artikel !
Man darf sagen, dass er zusammen mit den anderen Autoren in gewisser Weise den Vorläufer von Wikipedia (mit inzwischen über 1.800.000 Artikeln) erfunden hat. Angesichts der medialen Möglichkeiten des 18. Jahrhunderts liegt ein geradezu gigantisches Werk hier vor uns.

Es soll an dieser Stelle aber noch angemerkt werden, dass er auch als Dramatiker, Schriftsteller und Philosoph hervortrat. In seiner Kirchen- und Religionskritik stellte er die Deutungshoheit der Kirche über das Verständnis der Welt in Frage und gab den (natur-)wissenschaftlichen Sichtweisen konsequent Raum. Damit stand nicht mehr der Glaube an Schöpfung und Erlösung im Mittelpunkt, sondern die Selbstbestimmung des Menschen, der sich von allen Unfreiheiten löst. Dieses Denken führte ihn mehr und mehr von einer theistischen Sicht zu einer eher a-theistischen Haltung. 
Diese a-theistischen Gedanken, verbunden mit einem ausgeprägten Toleranzverständnis,
hat Pierre Bayle (1647-1706), gewissermaßen Diderots geistiger Vorgänger zum Ausdruck gebracht. Vgl.: Pierre Bayle: 
Toleranz (1686), Suhrkamp stw 2183, 2016: Inhalt, Kommentar, Leseprobe

Mehr zur Bedeutung von Denis Diderot:
Stéphane Lojkine & Adrien Paschoud (dir.):
Diderot et le temps .
(Diderot und die Zeit) Marseille & Aix: PUP 2016, 328 pp.

Von der Philosophie zur Gottlosigkeit ist es eben so weit wie von der Religion zum Fanatismus, aber vom Fanatismus zur Barbarei ist es nur ein Schritt.
                                                             (aus: D. Diderot: Dédicace de l'essai sur le mérite et la vertu, 1745)

Diese Haltung war wie bei vielen seiner aufklärerischen Zeitgenossen in Europa durch die Dialektik von raison (Vernunft), sens (Sinnhaftigkeit, Verstand) und sensibilité (Empfindsamkeit) geprägt. Das Schwergewicht legte er auf die sensibilité, die er als eine universale Geisteshaltung beschrieb (sensibilité universelle). Darin besteht die wahre Menschlichkeit:

"Menschlichkeit - Humanité: Das ist ein Gefühl des Wohlwollens für alle Menschen, das nur in einer großen empfindsamen Seele aufflammt. Diese edle und erhabene Begeisterung kümmert sich um die Leiden der anderen und um das Bedürfnis, sie zu lindern; sie möchte die ganze Welt durcheilen, um die Sklaverei, den Aberglauben, das Laster und das Unglück abzuschaffen. Sie verbirgt vor uns die Schwächen der Mitmenschen oder verhindert dadurch, diese Schwächen zu fühlen, macht uns aber unerbittlich gegenüber Verbrechen. Sie entreißt dem Bösewicht die Waffe, die dem guten Menschen zum Unheil werden könnte. Sie verführt uns nicht, uns von besonderen Pflichten zu befreien, sondern macht uns - im Gegenteil - zu besseren Freunden, besseren Eheleuten, besseren Staatsbürgern. Es macht ihr Freude, die Wohltätigkeit auf alle Wesen auszudehnen, die die Natur neben uns gestellt hat. Ich habe diese Tugend, eine Quelle so vieler anderer Tugenden, zwar in vielen Köpfen bemerkt, aber nur in wenigen Herzen."                                        
(Encyclopédie: Artikel  Humanité, 8. Band, 1766)



Langres besitzt mit dem Geburtshaus von Diderot das einzige Museum dieses berühmten Enzyklopädisten in Frankreich: Le Musée des Lumières. Bei einem Rundgang dort werden die BesucherInnen zum einen in das Leben und Wirken von Diderot und einiger seiner Zeitgenossen und aufklärerischen Mitstreiter eingeführt. Zum andern erlebt man ein Stück europäischer Geistesgeschichte nach, die die Welt gesellschaftlich und politisch grundlegend verändert hat. Diderot gehört zu den visionären Protagonisten einer Zeitenwende hin zum "Licht des Geistes" und damit zu den Protagonisten für eine aufgeklärtes, idealistisches Menschenbild.
Vgl. das Schema zu den verschiedenen Typen der Menschenbilder im Blick auf Menschenwürde und Menschenrechte.
Diderot ist in einem Zuge neben vielen anderen zu nennen - mit Immanuel Kant, René Descartes, Wilhelm Gottfried Leibniz, Voltaire, Jean Racine, Gotthold Ephraim Lessing und Jean-Jacques Rousseau. 


Denis Diderot - Porträt im Museum



 
Place Diderot im Zentrum von Langres




Europa der Aufklärung
 Die Reisen von Diderot bis nach Russland





Diderot und die Kunst


Madame de Pompadour (1721-1764)
Mätresse von König Ludwig XV.,
Förderin von Diderot


Die Herausgeber der Enzyklopädie:
Jean-Baptiste le Rond d'Alembert und Denis Diderot


Präsentation der Gesamtausgabe


Erscheinungsjahre der einzelnen Bände






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