Dienstag, 23. Juni 2015

Karl-Josef Kuschel - religionsökumenische Weite



Karl-Josef Kuschel (geb. 1948 in Oberhausen) ist nicht nur Schüler von Hans Küng und kontinuierlicher Mitarbeiter an dessen Weltethos-Projekt, sondern er hat in eigenständiger Weise auch Küngs dialogisches Anliegen weitergeführt. 

 
Als katholischer Theologe lehrte er von 1995 bis 2013 Theologie der Kultur und des interreligiösen Dialogs an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen und engagierte sich im Bereich der christlich-ökumenischen Forschung. Von 1995 bis 2009 war er auch Vizepräsident der Stiftung Weltethos, wirkte dann als Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Stiftung Weltethos und gehört seit 2012 zum Kuratorium der Stiftung. Seit kurzem ist er auch Präsident der Hermann-Hesse-Gesellschaft. Allein diese kurzen biografischen Hinweise signalisieren den Schwerpunkt von Kuschels Forschungs-, Vortrags- und Begegnungstätigkeit. 

Er hat diese Bereiche in entsprechenden „Schlüsselwerken“ dokumentiert:
So ist eine  Theologie der Kultur entstanden - unter literaturwissenschaftlichen, theologischen, ethischen und poetischen Gesichtspunkten mit einfühlsamen Präsentationen von Schriftstellern und Dichtern. Diese stammen überwiegend aus dem deutschen Sprachraum. Es sei hier nur an seine sorgsame und zugleich spannende Auseinandersetzung mit Heinrich Heine, Rainer Maria Rilke (mit Bezug auf Buddha), Thomas Mann, Walter Jens und seinem Lehrer Hans Küng erinnert. 

Christoph Gellner und Georg Langenhorst haben ihr  Buch "Blickwinkel" Karl-Josef Kuschel zum 65. Geburtstag gewidmet. Denn hier kommen die beiden Seiten von Kuschels Denken sehr schön zum Ausdruck: Literarische Texte und interreligiöses Lernen.
Es seien im Blick auf Dichtung und Dialog hier noch einige Titel herausgehoben:


Typisch für Kuschels Bücher ist die klare und oft erzählerische Sprache - verbunden mit sorgsamer (literar-)wissenschaftlicher Recherche. Dadurch sind die Ergebnisse seiner Forschungsarbeit zugleich in eine angenehme Lesbarkeit gekleidet.

Beim interreligiösen Dialog setzt Kuschel, von seiner Arbeit am „Weltethos“ herkommend, einen trialogischen Schwerpunkt – immer mit dem Blick auf eine Weitung hin zu den anderen religiösen Traditionen. Neben der Person des Abraham hebt er Noah und den ihm und allen Menschen geltenden universalen noachitischen Gottesbund besonders hervor. Eine wirkliche hermeneutische Schlüsselrolle spielt natürlich Gotthold Ephraim Lessing in seiner wirkungsgeschichtlichen Bedeutung für den Toleranzgedanken und die Religionsgeschichte.
Auf diese Weise werden die Lesenden in einen Kosmos eingeführt, der von der Kraft der Auseinandersetzung um Sinn- und Gottesfrage und von einem interreligiös unvoreingenommenen "Brückenbau" gleichermaßen geprägt ist.


Samstag, 20. Juni 2015

Was hat eine Mühle mit Europa zu tun? (aktualisiert)

Der eine oder die andere wird sich noch an den Geschichtsunterricht erinnern: Da war doch etwas mit der “Kanonade von Valmy”? War  nicht auch Goethe dort? Wer heute in die Region zwischen Maas und Marne fährt, wird unwiderbringlich an furchtbare Kriege erinnert – Kreuze für sinnlos aus Machtinteressen Gestorbene. Die genannte Kanonade von Valmy am 20. September 1792, also vor 220 Jahren, hat aber für Europa noch eine besondere Bedeutung: Es war der Kampf der Republik gegen feudalistische Herrscher. Die preußisch-österreichische Koalition, die den französischen König Ludwig XVI. retten wollte, verlor gegen das schlecht ausgerüstete französische Revolutionsheer. Obwohl Goethe von diesem Kriegszug nicht begeistert war, stand er faktisch auf der falschen Seite. Er begleitete nämlich seinen Weimarer Herzog zur Schlacht. Noch am Abend soll er zu einigen Offizieren gesagt haben: „Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen.“ Der erst kürzlich in den Adelsstand erhobene Dichter hatte bereits die Vision eines freiheitlichen Europas.
So ist eine schlichte Windmühle zum Drehkreuz der Geschichte gegen den Feudalismus und für die Republik mit den Werten von
Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit
/Schwesterlichkeit geworden.
Seit März 2014 unterstreicht ein historisches Museum die Bedeutung dieses Ortes.
Hier die Homepage: Valmy 1792

Der pazifistische Schriftsteller Romain Rolland (1866-1944) hat übrigens 1938 ein Jugendbuch über die Schlacht von Valmy geschrieben, um damit die Notwendigkeit eines Friedenserhalts in Europa auf der Basis der Gerechtigkeit zu dokumentieren.
Vgl. dazu Les écrivains communistes pour la jeunesse pendant l'entre-deux-guerres
(Intinéraires no. 4/2011, p. 105-115) .


Nicht weit entfernt von Valmy ging es übrigens schon einmal um Europa, nämlich bei der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern im Jahre 451, als ein römisch-westgotisches Heer die Hunnen zurückschlug. Die Stadt Chalons en Champagne erinnert mit ihrem Namen noch an diese Zeit.