Samstag, 31. August 2013

Licht-Zeichen bei der Ruhrtriennale 2013

Das vielfältige Programm der Ruhrtriennale 2013 seit Ende August mit seinen oft ungewöhnlichen Produktionen im Bereich von Theater, Musik, Tanz, Kino, Diskussion, Darstellender und Bildender Kunst, ist kaum zu überschauen. Aber die Ein-Sichten ins Programmheft lohnen sich! Es bewegt sich Spannendes für alle Sinne in den ehemaligen Zechen, Kokereien und Stahlschmieden des Ruhrgebiets zwischen Duisburg und Dortmund.

An dieser Stelle sei auf ein eher meditativ und zugleich heiter wirkendes Licht-Schau-Spiel hingewiesen, in das sich jede/r Abend für Abend nach Einbruch der Dunkelheit hineinnehmen lassen kann. Es spielt sich vor der Jahrhunderthalle Bochum ab.
Der Düsseldorfer Medien-Künstler  Mischa Kuball hat - wie schon in den Vorjahren - wiederum Licht-Begegnungen inszeniert, und zwar dieses Mal mit einer Treppe.
Seine Lichter-Installation heißt Agora/Arena  und symbolisiert eine Art Zuschauerraum.

Es macht Spaß zu versuchen, in die sich bewegenden Licht-Kreise zu treten und sich auf die nächste Licht-Möglichkeit ein-zu-stellen! Denn die Licht-Kreise wandern unberechenbar hin und her und auf und ab. Sie spiegeln sich zugleich in der Glasfassade der Jahrhunderthalle.
Die Agora im Schatten der Industriedenkmäler wird dadurch selbst zu einem Ort der Kommunikation,
der Begegnungen
aus-leuchtet und
wider-spiegelt ...


Bis zum 6. Oktober bleibt insgesamt noch genügend Zeit, diese und andere Kunsterlebnisse als große Inszenierung oder eher im kleinen Rahmen zu entdecken.



Mittwoch, 21. August 2013

Johann Gerhard: Ein fast vergessener Theologe der Nachreformationszeit

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat im Rahmen des zu  erwartenden 500. Reformationsjubiläums 2017 das Jahr 2013 unter das Thema der Toleranz gestellt.
Angesichts der bedeutenden reformatorischen Persönlichkeiten von Luther bis Calvin, gerät die nachreformatorische Periode aus dem Blick. Denn die als dogmatisch verhärtet angesehene altprotestantische Orthodoxie mit reformierter und lutherischer Prägung hat einige bedeutende Köpfe hervorgebracht, deren herausragendster auf der lutherischen Seite sicher der Jenaer Theologe Johann Gerhard ist (1582-1637).
Sogar Wikipedia  schreibt: "So hat er - ähnlich wie sein Lehrer Johann Arndt - neben theologischen Werken auch Erbauungsliteratur verfasst und sich in den theologischen Konflikten anders als andere weitgehend der Polemik enthalten. In seinen "Loci theologici" endet jedes Lehrstück mit einem Abschnitt "de usu" (über den Gebrauch), in dem der praktische Nutzen für das christliche Leben verdeutlicht wird."
Seine  Meditationes sacrae ad veram pietatem excitandam (1606) wurden übersetzt und bis ins 19. Jahrhundert als "Erbauliche Betrachungen" vielmals verelgt.
Vollständiger deutscher Text: hier

Johann Gerhard hat für die weitere theologische Entwicklung zwischen Reformation und Aufklärung im Protestantismus eine nicht zu unterschätzende Bedeutung, weil seine Glaubenslehre von späteren Verhärtungen frei ist. Die Hl. Schrift als Basis und Zentrum des Glaubens ist bei ihm noch nicht Wort für Wort inspiriert, sondern der Hl. Geist hat  genügend Raum, spirituelles Verstehen zu bewirken.
Vgl. Reinhard Kirste:
Das Zeugnis des Geistes und das Zeugnis der Schrift
(1976)
Die Universität Erfurt versucht nun auf internationaler Ebene, diesen wegweisenden Theologen in seiner entwicklungsgeschichtlichen Bedeutung dem Vergessen zu entreißen und auch die wissenschaftliche Bedeutung im Zusammenhang seines pastoralen und politischen Wirkens zur Sprache zu bringen.

Vom 22.-24 Juli 2013 fand eine Tagung in der Forschungsbibliothek auf Schloss Friedenstein in Gotha statt, und zwar mit dem Thema: Duldung religiöser Vielfalt - Sorge um die wahre Religion. Toleranzdebatten in der frühen Neuzeit.

Der Erlanger Systematiker Walter Sparn hielt dort einen wegweisenden Vortrag zum Thema: 
In wessen Interesse ist religiöse Toleranz? Die Entwicklung zwischen Johann Gerhard und Theophil Lessing. Vollständiger Text: hier 

Auch eine Fortsetzungstagung ist angekündigt:
5.-7. September 2013: Konfession, Politik und Gelehrsamkeit:
Der Jenaer Theologe Johann Gerhard (1582-1637) im Kontext seiner Zeit.




 

Donnerstag, 15. August 2013

Mozarts Zauberflöte - Ein Singspiel für wahre Menschlichkeit

Drachenhunde und Schildkröte auf der Bregenzer Seebühne
Im Programm-Vorwort zur Inszenierung auf der Bregenzer Seebühne schreibt der Regisseur David Pountney:
"Die Zauberflöte vermittelt ein aufgeklärtes, humanistisches Ideal des „Menschseins“: Am Ende tragen ein normaler Mann und eine normale Frau die Verantwortung für die Zukunft der Gesellschaft, während sich der Machtapparat von Königinnen und Priestern als überflüssiges Brimborium erweist. Es gibt eine Stelle, in der Sarastros Priester sich fragen, ob es Tamino wohl gelingen werde, alle Prüfungsaufgaben zu meistern, denn er sei ja ein Prinz. Sarastro antwortet: „Noch mehr – er ist Mensch!“ Am Ende der Oper sieht man Tamino und Pamina nicht mehr als Prinz und Prinzessin, sondern tatsächlich nur als einen Mann und eine Frau."
Die alten Mächte weltlicher und religiöser Gewalt haben ausgedient.
Es gilt nur die RELIGION der LIEBE.
Der Weg dorthin ist jedoch mit extremen Schwierigkeiten gepflastert. In der Zauberflöte ist dies zugleich ein Initiationsweg von der Dunkelheit ins Licht. Nicht zufällig hat Mozart in musikalischer Umsetzung von Schikaneders Libretto Freimaurer-Rituale mit deren altägyptisch-mythologischen Bezügen einfließen lassen. Wenn man so will, zeigt sich die Zauberflöte - besonders auf der Bregenzer Seebühne -  als ein wahrhaft spektakuläres, aber zugleich zauber-haftes, spirituell-heiteres Mysterienspiel. Dem Regisseur sei Dank dafür, besonders auch für ungewohnte Seh-Weisen: Die Gegenspieler passen nicht mehr in das Gut-Böse-Schema: die  "Königin der Nacht" ist nicht nur eine rachsüchtige Mutter und der machthungrige-sexistische Sarastro zeigt sich humanistisch lernfähig.
Die etwa 7000 Zuschauer bei der jeweiligen Aufführung sind begeistert.
Die Aufführungen dieses Jahres sind alle ausverkauft.
Zum Glück wird 2014 die See-Bühne noch einmal zur Zauber-Bühne.




Hintergrund und Inhalt der Oper: hier

Textheft zur "Zauberflöte": hier

Mehr zur Aufführung der Zauberflöte auf der Bregenzer Seebühne: hier

Beispiel einer aufmerksamen Pressekritik mit Fotogalerie
(Stuttgarter Zeitung vom 19. Juli 2013)






Sonntag, 11. August 2013

Lernort Kloster: Kartause Ittingen (Schweiz)

Klosterkirche mit Lettner
In der Nähe des Bodensees, im Kanton Thurgau, hat sich das Gesamtbild  einer Kartause, also eines Kartäuserklosters, erhalten, das einen  unverstellten Einblick in die eremitische Lebensweise dieser Mönche gibt.

Ihr Ordensgründer, der Hl. Bruno von Köln (11. Jh.), führte besonders strenge Rituale ein. Die Mönche lebten im ständigen Schweigen - bis auf wenige Ausnahmen. Beim wöchentlichen gemeinsamen Gottesdienst waren sie von der Gemeinde getrennt! Das Essen wurde ihnen durch eine Klappe zugeschoben. Vor ihrer Klause hatte jeder ein kleines Gärtchen.

 
Berühmt geworden ist dieser noch heute in den Kartäuserklöstern geübte Lebensrhythmus durch den Film "Die große Stille"  (2005), der in der Grande Chartreuse, dem Mutterkloster der Kartäuser bei Grenoble, gedreht wurde.

Eremitenzellen

In der Kartause Ittingen, wo es seit 1848 keine Mönche mehr gibt, wirkt jedoch alles so, als seien sie nur zufällig nicht zu sehen.  Mehr zur Geschichte: hier

Darüberhinaus ist es in dieser großen Kartause gelungen, den meditativen Geist des Klosters zu aktualisieren.
Mönchszelle


Hier hat das Kunstmuseum Thurgau seine Heimstatt gefunden und lädt zur Betrachtung auch moderner Exponate ein, die sich erstaunlich angenehm in das klösterliche Ambiente einfügen. Das gilt auch für das Ittinger Museum, das mehr die historischen regionalen Zusammenhänge in den Vordergrund stellt.

Damit jedoch nicht genug: In einem Werkhof wird diakonisches Handeln für Menschen mit psychischen und geistigen Behinderungen praktische Realität.

Die Spiritualität  des Klosters  lässt sich bei der Begehung im großen Labyrinth, im Spaziergang durch den Rosengarten und in regelmäßigen Meditationen im Raum der Stille erfahren. Die evangelische Kirche macht mit dem Zentrum "tecum" in der Kartause Angebote zur Spiritualität und  Weiterbildung mit Seminaren / Tagungen.

Scheiter-Turm
So kann schließlich jede/r, die/der möchte, Gast in dieser Atmosphäre sein. Künstler nutzen diese Inspirationen immer wieder, und so ist mit Menschen vom Werkhof und Studierenden aus Paris durch den Künstler Tadashi Kawamata ein Scheiterturm aus Holzscheiten entstanden, der den Blick von der Erde, vom Material des Holzes, zum Himmel lenkt (noch bis 2015 zu sehen).

Es lohnt sich, in der Kartause nachsinnend zu verweilen.

Mehr zur Kartause Ittingen: hier